
Vor kurzem habe ich einen Beitrag darüber gelesen, dass die Anzahl von (vor allem rechtsextrem motivierten) Angriffen auf NS-Gedenkstätten steigt und auch wenn es mich vor allem mit Blick auf die politische Situation und die Wahlergebnisse der #noafd nicht verwundert, macht es mich absolut fassungslos, dass das #niewieder und #keinvergebenkeinvergessen keine hundert Jahre überdauert hat.
Am 12. Juli 2026 habe ich die Gedenkstätte Sachsenhausen, ein ehemaliges Konzentrationslager, besucht und möchte in diesem Beitrag meine Gedanken und Gefühle dazu festhalten. Der Besuch war für mich sehr emotional und auch eine Woche später ist das bedrückende Gefühl noch sehr präsent. Ich werde versuchen Worte dafür zu finden und wähle diese mit äußerstem Bedacht, sollte ich dabei Fehler machen, bitte ich um eine kurze Rückmeldung.
Bitte achte beim Lesen und betrachten der Bilder, die bereits für sich sprechen, auf deine eigenen Grenzen und pausiere oder schließe den Beitrag ggf.
Eine Art Vorwort: Meine Oma wurde im Mai 1933 geboren, das Jahr, in dem Adolf Hitler Reichskanzler wurde. Als die „nürnberger Gesetze“ erlassen wurden, war sie zwei Jahre alt (1935). Fünf Jahre als in der Reichskristallnacht/Reichspogromnacht (1938) Jüdinnen und Juden getötet, jüdische Geschäfte und Synagogen zerstört und 30.000 jüdische Männer in Konzentrationslager verschleppt wurden. Zu Kriegsbeginn (1939) war sie sechs Jahre alt. Als 1942 der systematische Massenmord an Jüdinnen und Juden beschlossen wurde (Wannseekonferenz | Holocaust) war sie noch nicht mal neun Jahre alt.
Der Zeitzeuginnen-Bericht meiner Oma, den ich aus einer sehr erfahrbaren Perspektive kenne, beschreibt den Nationalsozialismus aus den Augen eines Kindes. Eines Kindes, das den Widerspruch zwischen staatlicher Gewalt und familiärer Fürsorge, politischer Diktatur und gelebter Nächstenliebe, aushalten musste. Einem Kind, das nicht auffallen sollte, weil Auffallen Konsequenzen hatte und nicht aufzufallen Sicherheit versprach. Meine Oma erzählte von Nächten in Bombenschutzbunkern, ohne zu wissen, ob das Zuhause danach noch da war, die Familie oder die Nachbarn in Sicherheit waren und was „danach“ kam. Heute, über 60 Jahre später, packt sie ihren Koffer wieder so, wie es ihr als Kind beigebracht wurde – mit einem Bild der Familie ganz oben auf den Klamotten, damit „man weiß, wo sie hingehört“. Und auch wenn die Geschichten meiner Oma voller Ängste und Sorgen sind und man das erlebte keinem Kind – niemandem – zumuten möchte, sind sie nicht zu vergleichen mit den Geschichten, die KZ-Überlebende zu erzählen haben.
Im Geschichtsunterricht ging es vor allem um Zahlen und Statistiken – kaum greifbar, wenig erfahrbar. Obwohl wir die letzte Generation sind, die tatsächlich mit Zeitzeug:innen sprechen und die Erfahrungen verstehen … miterleben … hätte können. Ich selbst habe viel gelesen, recherchiert, mich mit meiner persönlichen Verantwortung beschäftigt – den Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers habe ich trotzdem vor mir hergeschoben, nicht, weil ich die Augen davor verschließen wollte, sondern weil ich … Angst davor hatte. Aber Angst darf an dieser Stelle keine Ausrede sein.
Die Situation wirkt surreal. Einfamilienhäuser. Ein Dreirad, das umgefallen auf verdorrtem Gras liegt und Gummistiefel auf den Stufen zur Eingangstür. Ein Windrad, das sich von Zeit zu Zeit ein wenig bewegt. Es wirkt idyllisch.
Nur wenige Meter dahinter die Mauern des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen. Von 1936 bis 1945 erfuhren Menschen an diesem Ort unaussprechliches Leid, Schmerz, Grausamkeit und Tod für ihre bloße Existenz – Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politische Gegner, Kriegsgefangene, Homosexuelle.
Unauflösbarer Widerspruch.
Die asphaltierte Straße, die von der Besucher:innen-Information zum Turm A- dem Eingang – führt, entlang zu laufen war unwirklich und beklemmend. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, hier zu stehen und zu ahnen. Zu wissen.
Angst.
Verzweiflung.
Diese Worte scheinen zu klein dafür.
Links von mir eine Mauer. So hoch, dass ein Entkommen aussichtslos erscheint. Stacheldraht. Es ist eine erdrückende Endgültigkeit.



Das Tor ist mit der Inschrift „Arbeit macht frei“ versehen und in den Räumen von Turm A sind Fotos des Geländes, die nach der Befreiung aufgenommen wurden. Auf den Baracken des Lagers Himmlers Meilensteine zur Freiheit – Gehorsam, Fleiß, Ehrlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Nüchternheit, Wahrhaftigkeit, Opfersinn, Liebe zum Vaterland… Hohn.
Es ist psychologische Folter der Gefangenen. Es gibt kein Entkommen, keine Chance auf Freiheit. Nur Grausamkeit, Folter und Tod.
In den Räumen von Turm A eine Dauerausstellung. Besuchende können dort über die Gräueltaten besonders grausamer SS-Offiziere lesen. Im hinteren Teil gibt es Hefte zu einzelnen Personen, zu den KZ Regeln, pädagogisches Material. Ein Teil davon fehlt – herausgerissen. Es gibt Audioguides, die zusätzliche Informationen liefern. Ich habe mir den Audioguide angehört und viele Texte gelesen. Die Ausstellung ist bedacht aufgearbeitet und berichtet auch von Einzelschicksalen, was es nahbarer, verständlicher, greifbarer macht.
Aber – und damit möchte ich die Arbeit der Mitarbeitenden keinesfalls klein reden – es waren weniger die Informationen, die nachhaltig Eindruck hinterlassen haben.
Orte haben eine Stimmung, eine Atmosphäre. Ich habe in vielen Lost Places fotografiert – auch an Orten mit dunkler Vergangenheit, nichts davon war vergleichbar. Der Ort raubt den Atem, es ist erdrückend.
Ich bin mir bewusst, dass der Boden, über den ich laufe, auch aus der Asche der Getöteten besteht. Asche und Knochenreste wurden von der SS zynisch als Baumaterial genutzt um Wege aufzufüllen, Schlaglöcher auszubessern und den Boden zu ebnen. Bei keinem Schritt kann ich aufhören darüber nachzudenken.
Immer wieder finden sich an den Mauern Steinhaufen. Kleinere und Größere. Manche unter Gedenkschriften, andere entlang der Außenmauer. Es ist jüdische Tradition Steine statt Blumen auf Gräbern zu hinterlassen als Ausdruck von Respekt und als Erinnerung an die Unvergänglichkeit.
Das gesamte Gelände ist ein Grab.
Ich habe einen Stein dazugelegt.
#keinvergebenkeinvergessen


Viele der ehemaligen Baracken wurden entfernt. Flächen aus Steinen erinnern daran, wo sie gestanden haben.

Es wirkt zynisch, dass an diesem Ort, der so viel Grausamkeit gesehen und erlebt hat, heute Blumen wachsen, sich durch eben diese Steine kämpfen und der Sonne entgegen strecken.
Unauflösbarer Widerspruch.

Auf dem Gelände befanden sich 68 Holzbaracken, jede davon für jeweils 150 Personen konzipiert. Die Etagenbetten stehen dicht an dicht. Nach Massenverhaftungen mussten sich oftmals drei bis vier Personen ein Bett teilen oder auf den Böden schlafen, weil die Räume mit bis zu 400 Personen überbelegt wurden.
Die Stimme des Audioguides im Ohr – Fenster wurden teilweise von Außen abgedichtet, damit keine Frischluft hineinkam. Kleidung, die vom Regen nass war, konnte nicht getrocknet werden. Bei absoluter Überbelegung konnten sich die Menschen nur im Schlaf drehen, wenn sich alle gemeinsam gedreht haben. Privatsphäre gab es nicht.



Die Frage, die mich die ganze Zeit begleitet hat: Wie konnten Menschen anderen so etwas antun?
Wie eingangs erwähnt: ich habe Bücher dazu gelesen, habe Dokumentationen gesehen – Psychologie der Grausamkeit.
Gehirnwäsche
Entmenschlichung
blinder Gehorsam
Autoritätsglaube
Rassenideologie
Aber keiner dieser Erklärungsversuche ist auch nur irgendwie nachvollziehbar – vor allem nicht an einem Ort wie diesem.




Und die viel aktuellere Frage lautet wohl: Wie – WIE – kann eine Partei wie die #noafd, deren Mitglieder die Verbrechen des Nationalsozialismus (teilweise) leugnen, verdrehen, verharmlosen oder zu relativieren versuchen, eine so hohe Wählerschaft für sich gewinnen?
Wie kann die Erinnerung an die Grausamkeiten des Nationalsozialismus so verblasst sein, dass es keinen großen Aufschrei innerhalb der Gesellschaft gibt?
Wieso ist #niewieder nicht JETZT?
Streng genommen war das eine rhetorische Frage. Die Antwort liegt wohl auf der Hand und ist mit den gleichen psychologischen Mechanismen, die wir aus der Geschichte kennen, zu erklären.
Der Beginn sind nicht die Lager, sondern Worte. Worte, die entmenschlichen. Worte, die ein Wir und ein „die Anderen“ erzeugen. Wenn die Grenzen des Sagbaren systematisch verschoben werden und Sprache gezielt zur Entmenschlichung von Minderheiten eingesetzt wird, schwindet in Teilen der Gesellschaft die Empathie. Schleichend. Aber spürbar.
Ja, die Zeit, in der wir leben, ist mit vielen Unsicherheiten verbunden. Kriege und Geflüchtete, die politische Situation sowohl in unseren direkten Nachbarländern, als vor allem auch in den USA, Globalisierung, steigende Kosten und gleichzeitig Löhne und Gehälter, die sich diesen Veränderungen kaum angleichen. Armut, Angst, Unsicherheit. Für all das habe ich Verständnis.
In Zeiten großer Unsicherheiten greifen dann eben genau diese alten und gefährlichen Reflexe: Man sehnt sich nach einfachen Antworten – dabei sollte doch klar sein, dass es auf komplexe Probleme keine einfache Antwort gibt. Man möchte – mindestens – einen Sündenbock, jemanden, den man verantwortlich machen kann. Dabei arbeitet man sich aber üblicherweise an den Falschen ab. Der Wunsch nach einer „Harten Hand“, jemandem „der das schon wieder richtet“, als hätten wir aus Jahrtausenden des Patriarchats nicht gelernt, dass Härte, dass Autorität niemals zu Frieden, sondern zu Machtmissbrauch und Krieg führt.


Gedenkstätten sind niemals nur Museen der Vergangenheit. Sie sind eine lautlose, aber unmissverständliche Warnung an jede:n Einzelne:n im Hier und Jetzt und führen uns immer wieder vor Augen, wohin das bewusste Relativieren von Geschichte und das Schüren von Hass am Ende unweigerlich führen.
Wenn Politiker:innen Hetze und Hass schüren und Medien weiter Öl ins Feuer kippen, ist es an uns dagegen zu halten. Sich zu solidarisieren ist heute einfacher denn je und nein, Social Media ersetzt keine Demonstrationen, keinen zivilen Ungehorsam, aber wir können Social Media wieder sozial machen und uns solidarisieren. Sie wollen ein „wir“ und „die anderen“? Seid neugierig wie die Lebensrealität dieser „anderen“ aussieht und ob es nicht mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede gibt. Sie wollen marginalisierte Gruppen systematisch unterdrücken? Gebt ihnen Raum, leiht ihnen eure Stimme, eure Reichweite, euer Publikum. Tragt dazu bei, dass die Vergangenheit vergangen bleibt und uns nur als mahnendes Beispiel statt als grausame Realität begleitet.



